Fechten

Warum Fechten? Oder was  ist die Mensur eigentlich?

Du sitzt im Paukkeller. Das Kettenhemd hängt an dir herunter und die Menschen, die du vor sechs Monaten kennengelernt hast und mittlerweile gute Freunde geworden sind, fangen damit an, wie fleißige Bienchen dich für deine bevorstehende erste Mensur anzuziehen. Dir wird der Hals zugeschnürt und du fragst, ob das denn so eng sein muss. Als Antwort bekommst du zu hören „Es dient deinem Schutz“ oder „Je enger, desto besser“. Die anderen scherzen und lachen, doch du merkst, es ist jeder für dich da und steht dir bei, denn das ist dein Tag. Du wärmst dich auf, haust noch ein, zwei Mal auf den Dummy und danach führen dich deine Bundesbrüder nach oben. Auf diesen Weg wird dir bewusst, jetzt wird es ernst. Dein Herz schlägt schneller und es stellt sich, angesichts dessen ,was gleich auf dich zukommt, ein Gefühl von Respekt und ja auch etwas  Furcht ein. Oben angekommen stehen schon um die 50 Zuschauer, unter anderem deine Bundesbrüder und Alte Herren, die dir auf die Schulter klopfen, dir Glück wünschen sogenanntes „Waffenschwein“ und du weißt, jeder von Ihnen hat genau das gleiche schon zwei Mal durchgestanden. Du setzt dich auf deinen Stuhl und dir wird die Mensurbrille angelegt, es wird noch einmal eng am Kopf und alles drückt und ein dickerer Alter Herr sagt „Wenn’s drückt is richtig so“ und dann geht’s los. Du stellst dich deinem Mitpaukanten gegenüber und merkst, ihm geht’s genau wie dir. Du bekommst eine scharfe Klinge in die Hand gedrückt und möchtest nicht, dass er deinen Kopf trifft und er wird das gleiche denken. Es kehrt absolute Stille ein.

Dann:

„Hoch zur Mensur“,  „Fertig“,  „Los!“. Hallo mein Name ist Michael, ich bin 27 Jahre alt und seit 2011 Mitglied bei der Landsmannschaft Normannia und habe in dieser Zeit vier Mensuren gefochten. Ich wurde gebeten, für unsere Homepage einen Beitrag über das Fechten zu schreiben. Das ist gar nicht so einfach. Sicher jede Schlagende Verbindung schreibt, es ist ein Mittel der „Zugehörigkeit“, eine „ Erziehungsmaßnahme“ und fördert den „personalen Zusammenhalt“. Das ist auch alles schön und gut, doch eine Mensur ist viel mehr als das. Man kann die Mensur nicht wirklich erklären und rationalisieren. Die Mensur oder besser gesagt deine Mensur ist ein individuelles Erleben und Bestehen dieser Extremsituation, für die du dich selbst entschieden hast. Trotz aller Individualität des Erlebens hat die Mensur einige weitgreifende und allgemeingültige Elemente. Es ist halt nicht ganz von ungefähr, dass schlagende Verbindungen es über die Jahrhunderte fertigbrachten, junge Männer aller Stände, Glaubensbekenntnisse und politischer Überzeugungen, unabhängig von ihrer Herkunft in lebenslange Freunde zu verwandeln, denen generationsübergreifend eine gemeinsame Erfahrung, die der Extremsituation Mensur, zugrunde liegt. Man hört immer wieder, dass Außenstehende die Mensur als antiquierte, nicht zeitgemäße, elitäre „Mutprobe“ abwerten, welche ein mündiger, moderner Zeitgenosse, für den sich dieser Kommentator wohl hält, nicht mehr nötig habe. Da ich es nicht besser formulieren kann, zitiere ich an dieser Stelle die Worte meines Waffenbruder Herrn J. Christoph Amberger, die mich als Junges Mitglied einer schlagenden Verbindung begeisterten: Der Kern einer Mutprobe ist, dass man natürliche oder soziale Hemmungen kurzfristig überwindet und sich einer mehr oder weniger kontrollierbaren Kraft übergibt (sei's auch bloß der Schwerkraft am Ende eines Gummiseils). Die Mensur jedoch ist Dauerbelastung mit kalkuliertem, bewusst begrenztem Risiko, ein innerer Belagerungszustand, aus dem sich der Beteiligte nur durch intensivste Anstrengungen von Geist und Körper herausarbeiten kann und muss. Der Endzweck der Mensur liegt nicht in der Überwindung des Gegenpaukanten... nicht einmal im Beweis, dass einer über mehr Fechttalent, mehr Kraft, bessere Nerven, oder mehr Ausdauer verfügt als der andere (wie es in einem sportlichen Wettkampf der Fall wäre). Denn es gibt bei der Mensur weder Gewinner noch Verlierer, keine Sieger und keine Besiegten. Der Sinn der Mensur liegt in der Überwindung des eigenen Ichs, der Überwindung der Furcht durch die Selbstkontrolle und das bewusste Durchhalten des wachen Geistes. Denn die Mensur räumt mit Selbsttäuschung auf. Sie reduziert Dich auf deine primäre Persönlichkeit, entdeckt deine Schwächen und Ängste. Doch sie gibt Dir gleichzeitig die freie Wahl und die Mittel, Dich diesen zu stellen und gegen sie zu bestehen und diese grundlegende Erfahrung des Bestehens aus eigener Kraft im weiteren Leben anzuwenden. Als abschließende Worte möchte ich dem Leser noch mit auf den Weg geben, dass das akademische Fechten, bevor man die Mensur schlägt, wohl geübt sein möchte. Das Üben (Pauken) gehört zu einer der gemeinsamen Tagesbeschäftigung in unserem Leben als Verbindungsstudenten, was sowohl Körper, Geist und vor allem die Freundschaft der Beteiligten stärkt. Unterschrift Boche